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Die Sommerzeit

Bald kommt er, der „kürzeste“ Tag des Jahres. Der 25. oder besser der 27. März, der statt 24 Stunden 23 Stunden dauern wird. Dann werden die Uhren umgestellt, nicht die Zeit, die läuft so oder so weiter. Ursprünglich war diese Idee der Uhrenumstellung wohl eher ein Witz. Benjamin Franklin meinte es nicht ernst, als er 1784 die Einführung einer Sommerzeit vorschlug, um Kerzenwachs zu sparen. Wenn der geahnt hätte, was er damals mit seinem humorvollen Artikel in einer Pariser Zeitschrift anrichtete. Für uns hat das Uhrenumstellen dann während des ersten Weltkrieges begonnen und auch von 1945 bis 1949 hatte es in Deutschland Sommerzeit gegeben. Ihr Zweck war es Energie zu sparen. Die zugrunde liegende Idee, im Sommer wird es früher hell, da können wir früher aufstehen und den hellen Tag besser ausnutzen, so daß man Beleuchtungsenergie spart. Der englische Begriff sagt das auch deutlich: daylight saving time. Vielleicht hat das ja während der Kriege funktioniert - heute auf jeden Fall nicht mehr. Im Gegenteil: An den verlängerten Abenden benötigen wir eher mehr Energie, nicht nur zum Heizen, auch für Freizeitvergnügen jeder Art. Obwohl man das inzwischen genau weiß, gibt es die Sommerzeit noch immer. Lediglich im Umweltbundesamt gab es Überlegungen, die Uhrenumstellungen abzuschaffen - um Energie zu sparen

Da nun seit 1980 in ganz Europa im Sommerhalbjahr nicht die MEZ, sondern die Mitteleuropäische Sommerzeit, MESZ gilt, wird sich daran so schnell nichts ändern, ob sinnvoll oder sinnlos: weiterhin springen am letzten Märzwochenende die Uhren nachts statt auf zwei gleich auf drei Uhr, dann haben wir Sommerzeit. Ende Oktober geht sie statt auf drei Uhr wieder auf zwei Uhr zurück, dann „liegen“ wir wieder einigermaßen parallel zur Sonne. Über die Sommerzeit freut sich die Biergartenfraktion wegen die gewonnene Stunde, die eigentlich keine ist. Schließlich haben wir sie ja am Morgen durch einen früheren Arbeitsbeginn erkauft. Und einen längeren hellen Feierabend lässt sich auch durch Gleitzeitarbeit erreichen. Dazu müssten nicht alle Uhren umgestellt, alle Züge und Flüge angehalten werden - mit einem erheblichen Kostenaufwand.

Seit 1998 weise ich auf diese Aspekte hin (Die Welt, 28.3.1998) und plädiere für die Beibehaltung der Normalzeit, auch in Diskusssionen mit Politikern. Wie mir ein EU-Abgeordneter bestätigte: es gibt eigentlich keinen Grund, die Sommerzeit jedes Jahr einzuführen. Eine Harmonisierung innerhalb Europas geht noch besser ohne dieses überflüssige Hin und Her.  Aber die Wege in Brüssel sind anscheinend lang, sehr lang.

Können wir uns so einfach umstellen? Grundsätzlich nein, denn unsere innere Uhr ist sehr robust und ignoriert Änderungen, sie tut so, als ob alles beim alten geblieben wäre. Das hilft uns, wenn wir mal eine Nacht durchmachen, dann beharrt die biologische Uhr auf den alten Rhythmus und bringt uns zurück in den Alltag.

Und das merken wir vor allem bei der Umstellung auf die Sommerzeit. Unsere innere Uhr freut sich aber überhaupt nicht über den „kürzesten“ Tag im Frühjahr. Dieser 23 Stunden Tag ist außerhalb ihres Wirkungsbereiches und das hat Konsequenzen. Im Frühjahr nach der Uhrenumstellung sind die meisten unausgeschlafen, vormittags müde, haben zu Mittag noch keinen Appetit und können abends erst mal nicht einschlafen, wenn sie rechnerisch ins Bett "müssen". Die meisten Menschen gewöhnen sich erst nach zwei Tagen an die neue Zeit, manche sogar noch später. Selbst Kühe brauchen Zeit zur Umstellung: Regelmäßig produzieren sie zu Beginn der Sommerzeit weniger Milch. Es gibt auch weniger harmlose Folgen. So ereignen sich am ersten Montagmorgen der Sommerzeit acht Prozent mehr Verkehrsunfälle als an einem gewöhnlichen Montag. Kein Wunder, wir fahren in die Arbeit, während unser Geist und Körper noch schlafen. Umgekehrt ist es im Herbst; dann sind Unfälle um sieben Prozent seltener als sonst. Eine neue Studie aus Australien belegt, dass Menschen, die zu Depressionen neigen, sich in der Woche nach der Umstellung auf die Sommerzeit häufiger umbringen als zu anderen Zeiten. Dies belegt, dass die Uhrenumstellung sich gravierend auf Menschen auswirken kann.

Genau genommen haben wir am Tag der Uhrenumstellung eine Art Mini-Jet-Lag von einer Stunde. Im Frühjahr fliegen wir nach Helsinki und im Herbst nach London. Die ein Stunde Zeitunterschied ist zwar wenig, aber es ist nicht wie beim "richtigen" Jet-Lag, wo der veränderte Sonnenstand die Umstellung unterstützt. Deshalb wiegt der Saison-Lag schwerer und es ist nicht ganz so einfach, sich an diese kleine Änderung anzupassen. Sozusagen ein Mini-Jet-Lag unter erschwerten Bedingungen. Und auch beim richtigen Zeitzonenflug fällt uns die Umstellung nach einem Westflug mit der Verlängerung des Tages leichter, als nach einem Ostflug. Eigentlich könnten wir uns das ersparen, wenn wir nicht zweimal im Jahr die Uhren umstellen würden.

Aber die gute Nachricht ist: Im Herbst, bei der Umstellung auf die Winterzeit oder besser Rückumstellung auf die Normalzeit fällt es uns leicht, weil wir dann einen 25 Stunden Tag haben. Da freut sich sogar unsere Innere Uhr, denn das ist genau ihr Rhythmus. Sie würde gerne immer in einem 25 Stunden Takt laufen, denn das ist ihr angeborener Rhythmus wie wir aus Isolationsexperimenten wissen, bei der Versuchspersonen völlig zeitlos leben. Sie tun dies dann in einem 25 Stunden Tag. Wir kennen diesen biologischen Wunsch nach späterem Tagesbeginn vielleicht vom Wochenende. Aber die Sonne zwingt uns nun einmal unerbittlich ihren 24 Stunden Tag Nacht Wechsel auf. Demzufolge genießen viele Menschen bei der Umstellung auf die Winterzeit den verlängerten Herbsttag und das Ausschlafen können an wenigstens einem Montag.

Sollten wir uns vorbereiten auf den „kürzesten Tag“? Da sind wir morgens müde, aber am Abend wach und können nicht so einfach früher schlafen gehen. Erleichtern ließ es sich schon. Und wer hier Probleme erwartet, sollte ab Samstag sowohl die Mahlzeiten als auch den Schlaf um 30 Minuten vorverlegen und am Sonntag dann noch einmal um die weitere halbe Stunde. Dann ist man auch vor dem gefährlichsten Montagmorgen des Jahres wirklich ausgeschlafen. Am sinnvollsten wäre es allerdings, die Sommerzeit gleich ganz abzuschaffen oder dauerhaft beizubehalten. Die Uhrenumstellung ist nicht nur überflüssig, sie bringt nur Nachteile mit sich. 

(Prof. J. Zulley)