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Guter Mond
Du gehst so stille
durch die Abendwolken hin

Ja und gerade deshalb wirkt er auf uns so geheimnisvoll. Dann noch dieser Bleichling in wolkenloser Nacht. Das hat doch was. Da sind doch Kräfte am Werk, die auf uns wirken. Und wenn schon Ebbe und Flut durch den Mond verursacht werden, dann stehen doch auch wir unter seinem mächtigen Einfluss. Das glauben 92% der Deutschen. Wachstum und Gedeihen bei Mensch, Tier und Pflanze. Im besonderen Krankheit, Geburt und Tod, Haare schneiden, Kochen, Essen, Waschen, Gartenarbeiten, Holz schlagen, Zahnarztbesuch, Unfälle und Schlafstörungen. Alles beeinflusst durch den Mond?

Falsch!

Der Mond ist ein ausgesprochen passiver Zeitgenosse. Er spiegelt nur das Licht der Sonne wider und wie jede Masse, hat er auch eine Anziehungskraft, die allerdings geringer ist als bei zwei sich gegenüberstehende Personen. Und die Anziehungskraft beeinflusst Ebbe und Flut, hat aber nichts mit der Mondphase zu tun. Die Helligkeit wiederum ist viel zu niedrig, als dass sie beim Menschen eine biologische Wirkung zeigen könnte. Bei Tieren schon. So wird die Aktivität des Nachtfalters durch den Mond beeinflusst, aber nur durch die triviale Lichtwirkung in wolkenlosen Nächten. Und hierüber kann er auch bei Pflanzen wirken. Also nichts von geheimnisvoll. Und der Mond wird überschätzt. So ist das sogenannte „Mondholz“, welches zu einer bestimmten Mondphase geschlagen wird, genauso anfällig für Würmer, fault genauso wie jedes andere Holz. Aber es wird teuer verkauft. Dass dies an Betrug grenzt, zeigt die Arbeit: „Mondholz – ein Fall für den Staatsanwalt?“ aus dem Jahre 2003. Eine zusammenfassende Arbeit aus dem Jahre 1996 hat zahlreiche Studien erfasst und kam zu dem Schluss: „The moon was full – and nothing happened.“ Es gibt, je nach Mondphase, nicht mehr oder weniger Komplikationen bei Operationen, nicht mehr Unfälle oder medizinische Notfälle, nicht mehr Geburten. Die Ergebnisse sind eindeutig. Und was sagt die Psychiatrie zu lunaren Einflüssen? Als Wissenschaft hat sie sich auch dem Thema gewidmet, ob der Mond Einfluss auf unsere Seele, Denken, Verhalten und Krankheiten haben kann und sie allesamt widerlegt. Nicht erst seit heute, sondern seit fast 300 Jahren, als die ersten diesbezüglichen Untersuchungen begannen. Vermutet wird allerdings, dass früher, als der Mond die einzige großflächige Lichtquelle war, die Menschen länger aufblieben und somit kürzer schliefen. So traf sich in London die „lunar society“ am Abend nur bei hellen Vollmondnächten, da sie dann auch wieder Heim fanden, in was für einem Zustand auch immer. Der Mond hatte in dieser Zeit schon immer was positives, so wie es in der alten Volksweise vom Guten Mond weiter heißt:

 

Leucht freundlich jedem Müden
In das stille Kämmerlein
Und dein Schimmer gieße Frieden
Ins bedrängte Herz hinein

 

Von Schlafstörungen war also nicht die Rede. Im Gegenteil, eher eine heilsame Wirkung – der Mond als Therapeutikum. Zum Thema Schlaf gibt es genügend Untersuchungen die belegen, dass die Mondphase keinen Einfluss auf Schlaf und Schlafstörungen hat. So eine Studie aus Österreich aus dem Jahre 2003 die über sechs Jahre hinweg keinen Zusammenhang zwischen Mondphase und Schlaf finden konnte. Auch wenn 2013 eine Schweizer Studie einen circalunaren Rhythmus zu finden glaubte (aber ausdrücklich nicht den Mond als Ursache sah, was die Presse geflissentlich ignorierte), so konnte 2014 eine groß angelegte Studie wieder, wie in fast allen vorhergehenden Studien, keinen Zusammenhang finden. Aber trotzdem klagen viele Menschen über Schlafstörungen bei Vollmond. Warum? Dafür gibt es mehrere Erklärungen. Die selbsterfüllende Prophezeiung bei Vollmond schlechter zu schlafen, lässt und dann auch wirklich schlechter schlafen. Dazu müssen wir aber wissen, dass Vollmond ist. Das brauchen wir nicht bei der selektiven Wahrnehmung. Nach einer schlechten Nacht wird nach Erklärungen gesucht und wenn gerade Vollmond war, dann haben wir die Erklärung. Das merken wir uns natürlich, auch weil es unsere bisherigen Annahmen bestärkt. Die schlechten Nächte, die wir nicht bei Vollmond erlebten, vergessen wir geradezu. Ein allgemein psychologisches Phänomen, welches auch in vielen anderen Lebensbereichen wirksam ist und zur Entstehung von Aberglauben beiträgt. Weiterhin spielt noch eine Rolle, dass wir grundsätzlich nach Erklärungen suchen, weil dann vieles leichter erträglich ist. Rast das Herz, bin ich nicht weiter beunruhigt, wenn ich gerade schnell gelaufen bin. Rast es und ich weiß nicht warum, kann das schon Angst machen. Auf den Schlaf bezogen kann das lauten, wenn ich weiß, warum ich schlecht schlafe, kann ich beruhigter „schlecht schlafen“. So gesehen, kann uns der Glaube an die Macht des Vollmonds Schlafstörungen besser ertragen helfen, über eine Placebo-Wirkung. Vielen hilft es auch, eine größere natürliche Ordnungskraft anzunehmen, die uns Vorhersagen erlaubt und das Leben somit einfacher gestalten lässt, ein geradezu religiöser Aspekt.

Aber selbst die heftigsten Befürworter des Mondeinflusses, die mit ihren Büchern sehr viel Geld verdienen, können nicht erklären, wie der Mond auf uns wirken sollte, welche Kräfte da im Spiel sein sollen. Und die Mondphase – Neumond, Halbmond oder Vollmond ist doch nur ein beleuchtungstechnischer Effekt. Schließlich ist der Mond immer voll da – wenn er da ist. Wie sagte schon Matthias Claudius:

 

Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen
Und ist doch rund und schön.

 

Und das sollten wir genießen.

(Prof. J. Zulley)